Die meisten Reisenden sehen ICONSIAM zuerst vom Wasser aus. Man steht auf einem der Boote auf dem Chao Phraya, es geht Richtung Norden, und dann schiebt sich auf der linken Seite ein Gebäude ins Bild, das eher wie ein Terminal aussieht als wie ein Einkaufszentrum: geschwungene Fassade, Glas bis ans Ufer, davor eine Promenade, auf der abends Leute sitzen.
Und genau hier fängt das Missverständnis an. ICONSIAM ist eine Mall — technisch stimmt das. Aber wer nur deshalb hinfährt, weil er einkaufen will, verpasst den Grund, aus dem sich der Weg überhaupt lohnt.
Warum ICONSIAM nicht wie die anderen Malls ist
Bangkok hat keinen Mangel an Einkaufszentren. Siam Paragon, CentralWorld, EmQuartier, MBK — jedes davon ist groß, klimatisiert und voll. Wer eine Mall sucht, muss nicht über den Fluss.
Drei Dinge machen ICONSIAM zum Sonderfall.
Es liegt auf der anderen Seite. ICONSIAM steht in Thonburi, an der Charoen Nakhon Road — dem Ufer, auf dem die meisten Reisenden nie landen. Allein die Anfahrt übers Wasser ist mehr Erlebnis als jede Rolltreppe.
Ein Teil davon ist gar keine Mall. Im Erdgeschoss liegt Sook Siam, und das ist der Grund, warum dieser Artikel existiert. Dazu gleich mehr.
Es ist auf den Fluss hin gebaut, nicht von ihm weg. Die Promenade davor ist öffentlich, die Abendstunden gehören dort nicht den Käufern, sondern den Leuten mit Kaffeebecher.

Wie du hinkommst
Es gibt zwei sinnvolle Wege, und beide sind unkompliziert.
Mit der BTS Gold Line. Die kurze Hochbahnlinie führt direkt zur Station Charoen Nakhon, und die liegt am Gebäude. Du erreichst die Gold Line über die BTS-Station Krung Thon Buri auf der Silom-Linie — einmal umsteigen, dann drei Stationen. Das ist der verlässlichste Weg, besonders bei Regen.
Mit dem Boot ab Sathorn Pier. Vom Sathorn Pier — direkt unter der BTS-Station Saphan Taksin — fahren regelmäßig Boote hinüber, die Überfahrt dauert nur wenige Minuten. Das ist der schönere Weg, vor allem am späten Nachmittag.
Zum Preis der Boote sage ich bewusst nichts. Der Shuttle-Service war jahrelang kostenlos, und inzwischen berichten mehrere Quellen von einem Wechsel auf einen privaten Betreiber mit kleinem Fahrpreis. Wer heute dort steht, schaut am Pier auf die Beschilderung — es geht in jedem Fall um Centbeträge, nicht um eine Entscheidung.
Geöffnet ist täglich von 10 bis 22 Uhr. Wie du dich sonst durch Bangkok bewegst, steht im Bangkok Transport-Guide.
Sook Siam: der Teil, der kein Einkaufszentrum ist
Wer durch das Erdgeschoss läuft, steht plötzlich nicht mehr in einer Mall, sondern in einem nachgebauten Dorf. Holzstege, Wasserläufe, Stände unter geschwungenen Dächern, Boote mit Essen darin — Sook Siam ist die Innenraum-Version eines schwimmenden Markts, und sie bildet alle Regionen Thailands ab.
Es ist Kulisse. Das muss man ehrlich dazusagen: Niemand hier wohnt auf dem Wasser, und die Stände stehen nicht seit hundert Jahren dort. Aber es ist gut gemachte Kulisse, und das Essen ist echt — regionale Spezialitäten aus dem ganzen Land, an einem Ort, für den man sonst wochenlang durch Thailand reisen müsste.
Der Eintritt ist frei. Du zahlst nur, was du isst.
Für wen sich das besonders lohnt: für alle, die keine Zeit für einen echten schwimmenden Markt außerhalb der Stadt haben, und für Familien, denen ein Tagesausflug dorthin zu lang ist.
ICONCRAFT und die Luxusmeile
Ein Stockwerk höher wird es ruhiger. ICONCRAFT versammelt Kunsthandwerk aus allen Landesteilen — Keramik, Seide, Holzarbeiten, Deko — und präsentiert es wie in einer Galerie statt wie im Souvenirladen. Wenn dein Mitbringsel nicht nach Flughafen-Shop aussehen soll, ist das die Adresse.
Der Luxusteil ist genau das, wonach er klingt: internationale Flagship-Stores, teils in Ausführungen, die es sonst nirgends in Bangkok gibt. Ob du dort etwas kaufst, ist eine Budgetfrage. Durchgehen kostet nichts, und architektonisch ist es einen Blick wert.
Essen zwischen Kokons
Im Atrium hängen geschwungene, kokonförmige Pavillons, in denen Restaurants sitzen. Das klingt nach Effekthascherei und ist auch welche — funktioniert aber, weil die Wege dazwischen offen bleiben und man von oben in die Halle schaut.
Die Spanne reicht vom günstigen Essen bei Sook Siam bis zu Restaurants, in denen ein Abendessen so viel kostet wie zwei Nächte im Mittelklassehotel. Beides an einem Ort, ohne dass man sich für eine Richtung entscheiden muss.

Der beste Zeitpunkt
Später Nachmittag. Nicht vormittags, wenn das Haus leer und die Klimaanlage das Interessanteste ist.
Wer gegen 16 oder 17 Uhr ankommt, hat drinnen genug Zeit für Sook Siam, steht zum Sonnenuntergang draußen auf der Promenade — und der Blick geht von dort über den Fluss auf die Hochhäuser der anderen Seite, also auf das Bangkok, das man sonst von innen sieht.
Am Abend läuft vor dem Gebäude am River Park eine Wasser- und Lichtshow, mehrmals hintereinander. Die genauen Zeiten wechseln; frag im Zweifel am Info-Schalter oder halte dich einfach an die Leute, die sich am Geländer sammeln.
Und noch ein Vorteil dieser Uhrzeit: In der Regenzeit fällt der Schauer meistens am späten Nachmittag. Drinnen zu sein, während es draußen schüttet, ist hier kein Notprogramm.
Lohnt sich das für dich?
Ja, wenn du Bangkoks Flussseite noch nicht kennst, wenn du Sook Siam als Abkürzung zu einem schwimmenden Markt mitnehmen willst, wenn du mit Kindern unterwegs bist und einen Ort brauchst, der drinnen einen halben Tag trägt — oder wenn du einfach einen Sonnenuntergang am Wasser suchst, ohne Rooftop-Preise zu zahlen.
Nein, wenn du Malls grundsätzlich meidest und deine Tage lieber in Talat Noi oder Chinatown verbringst. Dann ist ICONSIAM für dich ein hübsches Gebäude, an dem das Boot vorbeifährt — und das ist völlig in Ordnung.
Für die meisten liegt die Wahrheit dazwischen: Zwei bis drei Stunden, spät am Nachmittag, mit dem Boot hin und der Gold Line zurück. Als Ziel für einen ganzen Tag ist es zu wenig. Als Teil eines Nachmittags am Fluss ist es einer der lohnendsten Orte der Stadt.